Strategien Hand in Hand entwickeln
Story

Strategien Hand in Hand entwickeln

Drei junge Männer verzichten wechselweise auf Sehen, Hören, Sprechen. Derart gehandicapt reisen sie vom Bodensee an den Atlantik. Unterwegs entsteht der Dokumentarfilm „Drei von Sinnen“. Er vermittelt hautnah ein Experiment zwischen Einsamkeit und Euphorie, das faszinierende Einblicke ins Entstehen von Führung gibt. Schmerzhafte Ein- und grandiose Aussichten inklusive.

Wie viele existenzielle Krisen beginnt auch die Ravioli-Krise am Titisee mit kleineren Unstimmigkeiten. Es ist mieses Wetter im Schwarzwald, Jakob von Gizycki liegt im Zelt, auf das der Regen trommelt, und hat nur eines: Hunger. Bart Bouman und David Stumpp, die beiden Mitreisenden, sind genervt. An Tag 3 schreibt Bart auf die Schreibtafel: „Ich hatte heute das Gefühl, dass die Reise als solche nicht klappen könnte. ... Wenn er nur wüsste, wie sehr ich bemüht bin, ihm alles recht zu machen. Und dann sagt erw... wir verstehen uns nur falsch.“

Tag 4 kann auch die Sonne nicht retten. „Ich fühle mich isoliert“, schreibt Jakob auf die Schreibtafel. Und: „Es ist ein Scheißgefühl, um alles, wirklich alles bitten zu müssen." Bart kontert, ebenfalls schriftlich: „Es ist auch mal ne gute Schule, für eine Woche das Zepter abzugeben.“

 

Jakob schreibt: „Bin ich nur noch blinder Passagier?“ Und wann gibt’s endlich was zu essen? Und was kommt auf die Teller? Der Film lässt uns mitleiden:

David (taub): „1 für die Spaghetti, 2 für die Ravioli.“ Jakob (nicht-sehend): „Scheißegal.“
David: „Weißt du was, Bart, wir bestellen Pizza hierher.“ Jakob: „Wenn du das jetzt machst, damit regst du mich abartig auf, weil ich das vor anderthalb Stunden gefordert habe.“ David, hat Antwort nicht gehört, zum Vermittler Bart (stumm): „Frag mal, ob Pizza ok ist.“Jakob: „Ich hab das vor anderthalb Stunden gefordert, als es mir richtig schlecht ging und jetzt checkst du’s endlich. Jetzt mach die Spaghetti oder Ravioli warm und dann ess ich und dann kann’s weitergehen. Denkst du, ich warte jetzt noch eine Stunde, bis irgendwo irgendwann Pizza hierher kommt oder was?“

Am Ende gibt’s Ravioli und die Drei haben erreicht, was Politiker gemeinhin als perfekten Kompromiss loben: Alle sind an diesem Punkt der Reise unzufrieden und frustriert. David stöhnt: „Dann frag ich mich, was das ganze Affentheater hier soll.“ Jakob gibt den Zyniker: „Hm, kalte Ravioli, danke.“ David sagt: „Ich weiß nicht mehr weiter.“ Bart sagt nichts, er darf ja nicht sprechen. Aber sein Körper ist geballte Hilflosigkeit. Das Team ist in diesem Moment keines.

Die Drei führen sich dann aber doch weiter, zu Fuß und mit der Bahn. Von Titisee nach Hinterzarten, dann nach Breisach am Rhein. Jeder setzt seine Fähigkeiten ein, macht weiter, trotz aller Widerstände. Die erste Woche ist geschafft. Mit dem Trio atmet auch der Zuschauer auf, als erstmals der Kopfhörer abgesetzt und das Augenpflaster abgenommen wird. Am Ende erreicht das Trio ungeachtet weiterer Krisen das gemeinsame Ziel: die Düne von Pilat an der französischen Atlantikküste.

 
„ein Gefühl der Isolation“

Die Reise ist eine Simulation, die unvorbereitete Teilnehmer ständig neu fordert.

„Drei von Sinnen“ nimmt den Betrachter mit, durchaus im doppelten Wortsinn. „Dieser Jakob hat wohl noch nie ohne seine Eltern Urlaub gemacht“, sagt Christian Leitz, Marketing-Chef der Akademie. Was solche spontanen Reaktionen auslöst, muss kritisch hinterfragt werden. Denn einfache Erklärungen gibt es im Film genauso wenig wie im Berufsalltag. Der Reisebericht lässt sich lesen als Experiment in Sachen Führung und Kommunikation. Als eine Simulation, die ihre unvorbereiteten Teilnehmer immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert. Darum hat Christian Leitz die Produzenten David und Bart zum Symposium für Personalentwickler der Akademie im November eingeladen. „Die emotionale Reaktion auf den Film weist auf sein Potenzial, Führung und Zusammenarbeit neu zu entdecken“, sagt er. „Das eröffnet angesichts aktueller Herausforderungen echte Chancen.“

Schon auf Basis einer allgemein akzeptierten Annahme, etwa dass Agilität künftig unverzichtbar für erfolgreiches Management ist, liefert „Drei von Sinnen“ wertvolle Einblicke und Lösungsansätze für Ravioli- und andere Krisen. Bezüge zum Berufsleben drängen sich förmlich auf. „Man könnte uns als drei Mitarbeiter betrachten, die gemeinsam ein Projekt umsetzen wollen“, skizziert Bart. Es lohnt sich, genauer zu betrachten, wie das trotz aller Krisen am Ende gelingt:

Konflikte lassen sich nicht immer aus der Nähe lösen. Manchmal hilft nur Abstand.

„Drei von Sinnen“ endete auf der Düne, danach trennten sich die Wege. David und Bart kümmerten sich um die Produktion. Bart unterbrach dafür sein Architektur-Studium in Konstanz, Jakob setzte seines in Innsbruck fort. „Wir haben uns einige Zeit nach Ende der Reise zusammengesetzt“, berichtet Bart. Das Gespräch war sehr konstruktiv und positiv, die Spannungen waren danach aufgehoben. Der Abstand relativiert vieles.“

Kommunikation ist die Grundlage für alles. Sie muss möglichst effektiv organisiert werden.

Schon unterwegs wurde der Konflikt bearbeitet. Aber die Handicaps erschwerten die Kommunikation und damit die Lösungsfindung. Als größte Herausforderung empfand David, Dinge gemeinsam zu entscheiden – nicht nur beim Essen. „Durch die Handicaps, insbesondere das Nicht-Hören, entstand ein Gefühl der Isolation“, sagt er. Zugleich habe er die wichtige Rolle als Vermittler ausfüllen wollen. Das Experiment zeigt: Wichtig ist es, gerade in unübersichtlichen, schwierigen Prozessen, Zeit für den Blick nach innen einzuräumen. Nur wer seine eigene Position reflektiert hat und genau kennt, kann sie auch konstruktiv vertreten.

Die Schreibtafel bewährt sich auf der Reise vielfach, auch weil sie zu kurzen, klaren Ansagen zwingt. Zum Einsatz kam zudem eine einfache Zeichensprache, das Hand-ABC. Und für schnelle Abstimmungen wurde unterwegs ein klares Zeichen entwickelt: einmal Schnalzen oder in den Arm kneifen für „Ja“, zweimal für „Nein“. Die Konflikte der ersten Woche waren der Lernphase geschuldet. Für Kommunikation gibt es eben keine Blaupause, sie ist immer situationsabhängig. Erst nach dem ersten Rollentausch wuchs das Verständnis für den anderen und es lief besser.

Man sollte Menschen so annehmen, wie sie sind. Und nicht urteilen, ohne die Umstände zu kennen.

Es lohnt sich, die Hintergründe der Ravioli-Krise genauer zu betrachten. Bart und David hatten auf einer Radtour vom Bodensee nach Istanbul bereits gemeinsame Erfahrungen gesammelt. Dagegen kam Jakob neu ins Team. Als Nicht-Sehender in der ersten Woche empfand er die Situation als besonders schwierig, da Kommunikation und Abläufe noch unklar waren.

Der Versuch, den „Blinden“ vor vollendete Tatsachen zu stellen, musste scheitern. Er fühlte sich übergangen, nicht nur beim Essen, auch bei der Routenplanung. Starke Charaktere ordnen sich nur zum Wohle des Teams unter, wenn sie sich akzeptiert fühlen. Das fehlte in diesem Moment in der Gruppe.

 

Jeder Mitarbeiter hat individuelle Stärken. Und Bedürfnisse, die berücksichtigt werden müssen.

Die Handicaps sind das eine, doch ein Gesamtbild entsteht nur, wenn man auch die Stärken sieht.

  • Der Blinde ist der Einzige, der mit Außenstehenden
    problemlos kommunizieren kann.
  • Der Nicht-Hörende setzt die Gefühle des Stummen in
    Sprache um, außerdem muss er navigieren.
  • Der Stumme findet Kommunikationswege, um die beiden anderen schnell zu erreichen. Er übernimmt auch
    das etwa im Verkehr essenzielle räumliche Hören.

Aus dieser Konstellation entsteht eine wechselnde, der jeweiligen Situation angepasste Führung im Team. Geführt wird also auf die bestmögliche Weise: auf Basis der geforderten Kompetenzen. Dies gelingt, wenn zugleich die Bedürfnisse des Einzelnen adressiert und berücksichtigt werden. Ebenso wichtig: Auf Alleingänge muss im Team verzichtet werden. „Das war bei uns kein Thema, da hat jeder jeden gebraucht“, sagt Bart.

Jeder muss Mut und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten bekommen.

Das Gefühl persönlicher Schwäche kann zu Isolation und innerer Emigration führen. Daher muss jedes Teammitglied mutig genug sein, den eigenen Fähigkeiten zu trauen. Für den Führenden eine Gratwanderung: Er muss unterstützen, darf aber nicht entmündigen. „Auch der Blinde im Team musste sich stets das Vertrauen ins eigene Fortkommen bewahren und bestmöglich in Entscheidungen eingebunden werden“, erinnert sich David.

Mitarbeiter empfinden es als positiv, wenn ihr Erfindungsgeist und ihre Kreativität gefordert werden.

Film ist Drama, lebt von Konflikten. Der Spaß, den die drei Abenteurer hatten, kommt daher auf der Leinwand zu kurz. In der Erinnerung überwiegt das Positive. „Was uns motiviert hat, war ja gerade, in diese Situationen zu kommen und diese zu bewältigen. Das war eine große Bereicherung“, sagt Bart. Er habe noch nie eine Zeit gehabt, in der sein eigener Erfindungsgeist und seine Kreativität so gefordert waren. Beispielfrage dazu: Wie bringt ein Blinder Zahnpasta auf die Bürste? Solche Aufgaben zu lösen, habe alle begeistert. Es war also keineswegs so, dass ständig gestritten wurde.

Ähnliche Erfahrungen verbinden und schaffen Gemeinsamkeit.

Dazu kam das Gefühl, dass es voranging, nicht nur auf den Straßen von Lyon nach Velay und auf dem Jakobsweg von Saint-Come-D’Olt nach Saint-Chély-D’Aubrac. Wetter, Landschaft, Gemeinschaft, alles passte. „Von Woche zu Woche rückte das Team mehr an die erste Stelle“, sagt David. „Jeder lernte, loszulassen, Dinge zu akzeptieren und sich selbst zurückzunehmen.“

Sinnhaftigkeit ist der zentrale Motivationsfaktor.

„Drei von Sinnen“ ist ein Experiment in Sachen Selbstverantwortung und Teambuilding. Sehenswert macht den Film, dass er Lösungsstrategien aufzeigt: Finden Sie neue Wege der Kommunikation. Stimmen Sie diese intensiv im Team ab und werben Sie um Verständnis für Maßnahmen. Auf Empfang gehen und zuhören – stets unverzichtbar. Die Unternehmenskultur sollte auch an diesen Grundsätzen ausgerichtet werden.

Zentrale Botschaft ist: „Das Ziel entscheidet.“

„Die größte Herausforderung bestand darin, die Gruppe zusammenzuhalten“, sagt Bart. Nur das gemeinsame Ziel half am Ende, alle Konflikte zu überwinden. Ein Ziel, dessen Sinnhaftigkeit nie in Frage stand. Wer erfolgreich führen und arbeiten will, sollte also mit der Zielsetzung anfangen. Dann wird die Reise vielleicht strapaziös, aber das Ergebnis rechtfertigt alle Anstrengungen: „Das Leben ist ein Geschenk, jeder Sinn ist ein Geschenk“, sagt David.

 

„Drei von Sinnen“ – das Filmprojekt

Wie fühlt es sich an, nichts zu sehen, nichts zu hören oder nicht sprechen zu können? Die drei Freunde David Stumpp (31), Bart Bouman (31) und Jakob von Gizycki (29) machen aus dem bekannten Bild der drei Äffchen ein Experiment – und einen äußerst erfolgreichen Dokumentarfilm.

Auf die Finanzierung per Crowdfunding folgten die Premiere in Konstanz und erfolgreiche Festival-Vorführungen. So gewann „Drei von Sinnen“ die Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ in Eindhoven, lief im Wettbewerb in Sydney und Lissabon. Der große Erfolg bescherte dem Film sogar einen bundesweiten Kinostart in Deutschland – in über 100 Kinos.

Zum Filmteam gehören Regisseur Kerim Kortel und Kameramann Moritz von Dungern sowie Sascha Seidel (Montage), Achim Burkart (Ton), Thomas Höhl (Musik) und Jan Pährisch (Assistenz). Die Produktion lag in den Händen von David Stumpp und Bart Bouman.

„Drei von Sinnen“ ist auch als DVD erhältlich, mehr Infos und die Bestellmöglichkeit gibt es auf www.dreivonsinnen.de.