Wer bin ich? – Wann? Und in welchem Kontext?

Über Grenzen und Möglichkeiten der Persönlichkeitsdiagnostik

Nichts interessiert den Menschen so sehr, wie zu wissen wer er ist, wie er gesehen wird und was er in der Welt bewirken kann. Die einen nennen es umgangssprachlich Charakter, die anderen Typ oder Persönlichkeit. Immer geht es um die Fragen: Was macht uns einzigartig? Was verbindet uns mit anderen und was trennt uns? Dieses Bedürfnis, sich selbst zu erfahren und zu begreifen, ist uns in die Wiege gelegt. Mit Neugier entdecken Säuglinge sich selbst und begreifen allmählich ihre eigene Individualität. Im Laufe der Kindheit und Jugend differenziert und entwickelt sich die Persönlichkeit eines Menschen, um sich dann im Erwachsenenalter zu festigen. So zumindest war lange die Auffassung der Psychologie.

Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologen sind Jahrzehnte davon ausgegangen, dass es feste „traits“, also feste Merkmale gibt, die zu einem großen Teil bestimmen, welchen Lebensweg wir einschlagen und wie wir uns in den meisten Situationen des Alltags verhalten. Studien an Zwillingspaaren, die getrennt und in unterschiedlichen Milieus aufwuchsen, haben erstaunliche Parallelen in deren Entwicklungsverläufen festgestellt. Ein Studienergebnis, das die Annahme einer stabilen Charakterstruktur unterstützt.

Jeder Mensch scheint also durch ein festes Set an Persönlichkeitsmerkmalen beschreibbar und dieses sagt somit auch Verhalten am Arbeitsplatz voraus. Bislang wurden in der Persönlichkeitsdiagnostik zumeist Orientierungen gemessen wie „Extraversion – Introversion“ oder „Wunsch nach Stabilität – Offenheit für Neues“. Fraglos ist, dass die Persönlichkeitsdiagnostik im beruflichen Kontext, wenn es um Fragen der eigenen Entwicklungsmöglichkeiten, des Zusammenspiels in einem Team oder der Entwicklung eines Unternehmens geht, einen wertvollen Beitrag leistet. Aber ist alles so fest in Stein gemeißelt, wie die Persönlichkeitspsychologen bisher angenommen haben? Können wir uns also weiterhin auf Persönlichkeitsdiagnostik verlassen und damit Aussagen treffen, die weit in die Zukunft einzelner oder eines Unternehmens reichen?

Die Entwicklungen und Studien im Bereich der Hirnforschung lassen hier aufhorchen. Wie stark verändern wir uns unter dem Einfluss unterschiedlicher sozialer Kontexte und gemachter Erfahrungen? Die Antwort der Hirnforschung könnte hier „beträchtlich“ lauten. Unter dem Stichwort „Hebbsche Lernformel“ ist bereits nachgewiesen, dass sich unser neuronales Netzwerk stark verändern kann und zwar in Abhängigkeit von den Erfahrungen und Lernprozessen, die wir machen. Verändern sich neuronale Grundlagen, verändert sich auch unser Denken, Fühlen und Erleben. Wie fix bleiben dann aber vermeintlich stabile Persönlichkeitsmerkmale?

Dr. Ilga Vossen
Dipl.-Psychologin

Persönlichkeit: eine Frage des Zeitpunktes und des Kontextes

Der Forschungsbereich der Epigenetik untersucht die Auswirkungen nachträglicher Veränderungen der DNA und liefert gute Argumente dafür, von einer weit größeren Veränderungsmöglichkeit der Persönlichkeit auszugehen als bislang gedacht. Hirnforscher nehmen an, dass Erfahrungen, etwa aus Kriegszeiten, sich in nachträglichen Modifikationen der DNA manifestieren und so auch weitervererbt werden können. So prägen bestimmte persönliche und gesellschaftliche Erfahrungen nicht nur die Persönlichkeit eines Einzelnen, sondern auch die nachfolgende Generation. So wächst die Erkenntnis, dass Persönlichkeit nur in einem bestimmten Kontext und zu einer bestimmten Zeit beschreibbar ist.

Folgt man diesem Gedanken, sollten Persönlichkeitsprofile nicht für langfristige Entscheidungen zugrunde gelegt werden und erst recht nicht zur Beurteilung einer Eignung für eine bestimmte Jobposition. Sie sollten eher im Sinne von Entwicklungsempfehlungen und Potenzialen zu einem bestimmten Zeitpunkt gelesen werden. Sie sollten uns anregen, uns selbst zu reflektieren und helfen, blinde Flecken auszuleuchten. Statt das eigene Persönlichkeitsprofil wie eine stabile Ressource zu sehen und bestmöglich auszuschöpfen, sollten wir auf die Suche nach unseren Wachstums- und Veränderungsmöglichkeiten gehen und uns dafür den richtigen beruflichen und privaten Kontext schaffen.

Empreinte© zielt genau darauf ab
Juan de Aragon und Jean Pierre Changeaux, Autoren des Whitepapers zu Empreinte©, verzichten bewusst auf das Konzept der Stabilität der Persönlichkeit. Sie wollen zeigen, welche Präferenzen und Orientierungen durch Erfahrungen geprägt wurden und wie groß das Potenzial ist, diese zu verändern. Das Instrument schafft also eine Grundlage, den vielzitierten Satz Nietzsches „werde, der Du werden sollst“ zu erkennen und zu realisieren. Gerade durch das mehrmalige Einsetzen des Verfahrens zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Berufsleben lassen sich innere Entwicklungspfade ableiten, aber auch Gefahrenpotenziale wie Burn-Out-Risiken oder Fehlentscheidungen erkennen.

 

Dr. Ilga Vossen
Dipl.-Psychologin

Bereichsleiterin, Seniorberaterin und Coach der Akademie Inhouse mit den Schwerpunkten Führung, Kommunikation und Konflikt, Teambuilding, Coaching von Führungskräften, Persönlichkeitsentwicklung und
Diagnostik (Persönlichkeitsinventare und 360°­Feedback). Ausbildung als Mediatorin in hypnosystemischen Interventi­ onen für Coaching und Beratung und zum Empreinte
©­-Coach.