Story

"Steht die Hierarchie, muss man vertrauen."

2012. Expedition „Cerberus“, Tag 3.

Ein Arbeitsplatz zum Fürchten. Der Wind peitscht die Segelyacht des Global Offshore Sailing Teams durch den englischen Kanal. Die Heizung streikt, alles an Bord ist klamm und eiskalt. Fünf Mann wechseln sich auf Wache ab, die maximale Ruhezeit beträgt drei Stunden. Götz Gredé war vorgewarnt, hat haufenweise warme Sachen eingepackt und die gefütterten Jagdstiefel seines Vaters. Als er sie braucht, zerbröselt ihm der Gummi in den Fingern. Waren wohl doch zu alt und sind einfach vertrocknet, die guten Stücke. Für die Wache an Deck muss Götz jetzt in dünne Turnschuhe schlüpfen. Er friert wie nie in seinem Leben, denkt nur noch an Flucht. „Im nächsten Hafen geh ich von Bord. Du hast doch nichts dagegen?“, fragt er Jochen Werne. „Doch“, entgegnet der Expeditionsleiter. Götz ist sprachlos. Dann lernt er etwas fürs Leben.

1991. Gorch Fock.

Aufgeben oder durchhalten? Diese Frage hat sich Jochen Werne nie gestellt. Der drahtige Mittvierziger wächst mit seinen Aufgaben, das war schon immer so. Groß geworden ist er in einem Dorf bei Waldshut, direkt an der Schweizer Grenze. Am Bahnhofskiosk, wo sich andere mit Korn eindecken, kauft er die „Herald Tribune“. Der Blick übern Tellerrand weckt das Fernweh. Vor allem die Seefahrt fasziniert ihn. Er meldet sich zur Marine. Dort gehört er zu den Besten, kann sich sein Kommando aussuchen. Und wählt einen der härtesten Arbeitsplätze, die es gibt: das Segelschulschiff „Gorch Fock“. 89 Meter lang, außen Traumschiff, innen aufs Minimum reduziertes Leben: 30 Mann auf 30 Quadratmetern. Privatsphäre gibt’s nur auf dem Mast in 40 Metern Höhe. Schlafen muss Werne im 1,75 Meter langen „Bock“. Werne misst 1,79 Meter. „Umdrehen geht da nicht“, sagt er. „Ich lag nie in einem Sarg, aber viel mehr Platz hatte ich nicht.“ So geht es zwei Mal um die Welt.

Was dem Navigator gefällt: das Segeln, die Kameradschaft. Was nicht: die Bürokratie und die Trägheit des Systems. Nach den zwei Jahren auf der „Gorch Fock“ entscheidet er sich gegen die Offizierslaufbahn und studiert BWL. Bis heute kritisiert Werne starre, ineffiziente Strukturen, die nicht passen zu einer immer schneller werdenden Gesellschaft: „Je größer das Unternehmen, desto eher kann ich mich hinter bürokratischen Abläufen verstecken. Machen Sie das mal auf einem Schiff!“

Es zeigt sich: Die Seefahrt verlangt nicht nur gute Führung, sie liefert auch strategische Ansätze, wenn es darum geht, Disruption zu bewältigen. „Die Raumkapsel Apollo 11 hatte 12.300 Transistoren, auf den Prozessor des Apple iPad Air 2 passen 3 Milliarden.“ Das exponentielle Wachstum digitaler Technologien begeistert Werne. „Wir leben in der prosperierendsten Zeit überhaupt“, sagt er. Seine Zuversicht hat wenig mit Technikgläubigkeit zu tun, sie gründet auf einer tieferen Erkenntnis: „Wir sind alle voreingenommen. Ängste aus der Kindheit verstellen uns den Blick auf das Positive.“

2017. London, Chatham House.

Beispiel Digitalisierung: „Natürlich werden viele Jobs wegfallen“, sagt Werne, „aber es werden eben auch viele geschaffen.“ Wie groß die Lücke dazwischen sein wird, wisse ja noch niemand. Ist die Digitalisierung der größte Umbruch in der Menschheitsgeschichte? „Das sagen nur über 30-Jährige“, sagt Werne und lacht. Bange machen gilt nicht. Schließlich treibe immer noch der Mensch die Technologien voran. Das gebe ihm auch die Entscheidungsfreiheit. Zum Beispiel darüber, was mit dem Teil der Bevölkerung geschieht, dessen Arbeitsplätze verschwinden. Brauchen wir ein Grundeinkommen? „Vielleicht. Aber vor allem brauchen wir einen Plan“, sagt Werne.

Solche Pläne werden etwa im Chatham House entwickelt, einem der wichtigsten Think Tanks der Welt mit Sitz in London. Jochen Werne diskutiert dort mit den anderen Mitgliedern über Sicherheit, Politik, Gesellschaft. Auch über die Zukunft der Arbeit: „Wir benötigen Krisenpläne, sonst droht hohe Arbeitslosigkeit und Menschen verlieren ihre Perspektive“, sagt er. Vor allem aber müsse gegen die Angst agiert werden. Es gelte, den Nutzen neuer Technologien für die Menschen anschaulich zu machen. Werne nutzt dafür etwa YouTube-Videos, die zeigen, wie Parkinson-Kranke mithilfe eines implantierten Chips lernen, ihr Zittern zu kontrollieren. Oder eine Oder eine Entwicklung des weltweit größten Weinproduzenten. Bei Gallo in Kalifornien wurden alle Weinstöcke mit Sensoren ausgestattet. Sie messen die Feuchtigkeit im Boden. Diese Daten werden angereichert mit Wetterdaten von Satelliten der NASA. „Auf dieser Basis konnte Gallo von einem Tag auf den anderen 25 Prozent Wasser bei der Bewässerung einsparen“, erzählt Werne.

 
Ich glaube fest an den Menschen und mehr an seine schöpferische Kraft als an seine zerstörerische

2003. München, Bankhaus August Lenz.

Die Zukunft als großes Abenteuer zu sehen, diese Weltsicht bringt auch Schwung ins Berufsleben. Nach dem BWLStudium arbeitet Jochen Werne bei einem Internet-Startup, dann wird er Analyst bei Bankers Trust Alex. Brown International und im Bereich Global Investment Banking bei der Deutschen Bank. 2001 landete er als CRM-Spezialist bei Accenture. Sein letzter Kunde dort ist die Mediolanum Group, ein italienischer Finanzdienstleister. Sie übernimmt 2001 das Münchner Bankhaus August Lenz. Bei der „persönlichsten Privatbank“, so das Versprechen im Slogan, arbeitet Werne seit 2003. Als Direktor Marketing, Business Development, Treasury & Payment Services treibt er die Digitalisierung der Bank voran. Dabei sucht er ganz bewusst auch Kooperationen mit aufstrebenden Fintechs und entwickelt Services, für die das Bankhaus inzwischen schon mehrfach ausgezeichnet wurde. „Innovation muss beim Top-Management anfangen“, sagt er. Seine Strategie: „die richtigen Leute zusammenbringen, dann einfach machen“. Einen schönen Begriff dafür leiht sich Werne von Erich Fromm: „spontanes Tätigsein“. „Das Spontane ist wichtig, es bringt die Kreativität rein“, sagt er. Das Konzept „9 to 5“ sei tot, in neuen Arbeitswelten gehe es genau darum, den Mitarbeitern die Ideenfindung möglichst einfach zu machen. Hierarchien seien unverzichtbar, sagt Werne. Nicht nur beim Segeln. Aber er schränkt ein: „Steht die Hierarchie, muss man auch delegieren und vertrauen. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand eine ihm zugedachte Aufgabe nicht angenommen hat.“

2012. Expedition „Cerberus“, Tag 3.

Womit wir zurück beim frierenden Götz Credé wären. „Er war völlig perplex, weil ich ihn nicht einfach von Bord gehen lassen wollte“, erinnert sich Werne. Im Gespräch zieht er eine klare Linie: „Wir sind in einer unkomfortablen Situation, nicht in einem Kampf ums Überleben.“ Dann skizziert er seinem Kollegen eine mögliche Zukunft: „Wenn man aufgibt, wird man immer jede Menge Gründe finden, sich zu rechtfertigen. Die Leute werden einem recht geben. Doch darum geht es nicht. Es geht darum, dass man sich damit eingesteht: „Ich kann das nicht.“ Wenn die nächste ähnliche Situation kommt, wird man sich wieder so verhalten. Und am Ende läuft man gebückt durchs Leben.“ Götz Credé bleibt und ist der Erste, der sich für die nächste Tour anmeldet. Jochen Werne sagt: „Der stärkste Antrieb kommt von innen. Im Leben geht es immer darum, drei Fragen zu beantworten: „Was will ich eigentlich?“, „Was kostet es mich?“ und „Bin ich bereit, den Preis zu bezahlen?“

 

Werne empfiehlt allen, die sich im Job nicht wohlfühlen, für sich diese Fragen zu beantworten. Er setzt bei der Suche nach Talenten auf Persönlichkeit und Freiheiten: „Mit der klassischen Stellenbeschreibung erreicht man die Zielgruppe nicht mehr", sagt er. Wichtiger sei es, authentisch aufzutreten und den Mitarbeitern zu ermöglichen, ihre Arbeit selbst zu gestalten. Nur so lasse sich ein Unternehmen erfolgreich führen, denn: „Das Wohl und Wehe hängt immer von den Menschen ab.“

 
Steht die Hierarchie, muss man auch delegieren und vertrauen können.

2017. Prolog.

Jochen Werne schweift gerne ab, wenn er erzählt. Immer im ehrlichen Bemühen, den Besucher über nichts im Unklaren zu lassen. Die Welt ist kompliziert. Jochen Werne denkt sich tiefer hinein als viele andere. Der Besucher erlebt einen Macher mit Köpfchen, einen Abenteurer mit Plan. Ach was, mit vielen Plänen. Souverän im Auftritt, dabei gesegnet mit der Fähigkeit, sich für eine Sache zu begeistern und andere mitzureißen. Schönstes Beispiel: 1999 gründet Jochen Werne das internationale Global Offshore Sailing Team (gost.org), um zwei Leidenschaften zu verbinden: das Segeln auf hoher See und die Völkerverständigung. 30 bis 40 Mitglieder aus unterschiedlichsten Nationen gehören in wechselnden Besetzungen zur Crew. „Auf See gibt es keine nationalen Unterschiede, erst recht nicht in Extremsituationen“, sagt Werne. Und die ergeben sich in den darauffolgenden Jahren reichlich, vom Kampf gegen Sturm und Eis in Spitzbergen bis zum Maschinenausfall im englischen Kanal. Die Maschine repariert der Expeditionsleiter selbst, obwohl er eigentlich keine Ahnung von der Materie hat. Er denkt nach, analysiert, findet schließlich den verstopften Kühlkreislauf und reinigt ihn. Es war ja einfach kein anderer da, der es besser gekonnt hätte. Der Banker, Zukunftsdenker und Expeditionsleiter Jochen Werne vertraut ganz selbstverständlich auf sich selbst. Wir haben am Ende den Eindruck: Mit Selbstbewusstsein, Erfahrung und Abenteuerlust lässt sich Zukunft nicht nur bewältigen, sondern gut gestalten.

 

Antarktis 2018: „Die Menschheit kann viel schaffen!”

Eine der von Jochen Werne geführten Expeditionen führte 2016 ins arktische Eis. Das GOST-Team segelte bis an die Packeisgrenze auf den Spuren von Forschern wie Roald Amundsen, Fridtjof Nansen und Ernest Shackleton. Erinnert wurde an die Seeleute, die im Zweiten Weltkrieg zwischen 1941 und 1943 in den Schlachten um die Arktis-Konvois mit Nachschub für Russland kämpften. Die Expeditionsteilnehmer übergaben im Namen Norwegens und Kanadas Kränze der See im Gedenken an die Gefallenen. Zugleich sollte die Expedition die Auswirkungen des Klimawandels auf die Arktis stärker ins Bewusstsein rücken. Unterstützt wurde das Expeditions-Team unter anderem von König Harald von Norwegen, der kanadischen Regierung und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Im Februar 2018 setzte Jochen Werne Kurs in Richtung Antarktis. „Dies ist nochmal ein ganz anderer Schnack“, sagt er. Auf dem kältesten Kontinent herrscht eine Durchschnittstemperatur von minus 30 Grad, die Eisschicht ist im Schnitt 2,1 Kilometer dick. Die „Antarctic Blanc“-Expedition dient in erster Linie der Umwelt. Seit 1961 ist das „Antarctic Treaty“ in Kraft, ein Abkommen von inzwischen 30 Ländern, die sich verpflichten, auf militärische Nutzung der Antarktis zu verzichten und ihre Forschungsergebnisse off en auszutauschen. 1998 wurde zusätzlich das „Environmental Protocol“ unterzeichnet, das als härtestes Umweltschutzabkommen der Welt gilt. Werne stimmt das optimistisch: „Es zeigt, dass wir als Menschheit viel schaff en können, unabhängig davon, welche Meinungen wir vertreten.“

Welchen Stellenwert die GOST-Expeditionen inzwischen genießen, zeigte sich schon im Vorfeld. Unterstützung kam von der englischen Königin ebenso wie aus der Wiener Hofburg und vom Büro des deutschen Bundespräsidenten. Die Staatschefs von Tschechien und Finnland schickten persönliche Briefe, auch Belgien, Bulgarien, Schweden und die Schweiz waren an Bord. Jochen Werne schafft das mit monatelangem Einsatz und der Devise: „Wenn man etwas erreichen will – immer ganz oben anfangen.“

 

Die Expeditionen im Web: