Im Team
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Im Team
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Hamburg Außenalster, Samstag, 8. November 2014. Die Spannung ist mit Händen zu greifen. Es ist das Wochenende der Entscheidung. Jetzt haben Tino Mittelmeier, Christian Zittlau, Frederik Schaal und sein Bruder Henrik die Chance, ihr großes gemeinsames Ziel zu erreichen: den Aufstieg in die 1. Bundesliga. Die vier Segler absolvieren ihr Gruppenritual, mit dem sie sich auf das Rennen einstimmen – jeder nimmt einen kleinen Schluck Sherry – und begeben sich auf ihre Plätze. Der Adrenalinspiegel steigt – und mit ihm die Konzentration. In der letzten Minute vor dem Start versucht jedes Boot, punktgenau zum Startschuss die optimale Position an der Startlinie einzunehmen. Wer das Gerangel für sich entscheidet, ist im Vorteil.

 

Startschuss. Das Rennen läuft. Die Überlinger sind gut weggekommen. Jetzt geht alles sehr schnell. Schon kurz nach dem Start führen sie das Feld an. Das Team funktioniert wie aus einem Guss. Tausendfach eingeübte Handgriffe laufen fast automatisch ab. Mit jeder Sekunde und jedem Meter an der Spitze, mit jedem gut gesetzten Manöver wächst die Sicherheit. Nach einer Viertelstunde steht fest: Das Team des SMCÜ hat das erste Relegationsrennen gewonnen. Der Aufstieg ist in greifbare Nähe gerückt. So kann's weitergehen.

Der Aufstieg ist perfekt

Und es geht so weiter. Die Segler aus Baden-Württemberg dominieren das Feld das ganze Wochenende über. Daran ändert auch der Frühstart im letzten Rennen vom Sonntag, der ihnen trotz hervorragender Leistung die schlechteste Bewertung einbringt, nichts mehr. Das Ergebnis geht in die Annalen der Segel-Bundesliga ein: Der SMCÜ schafft als einziges Team der 2. Bundesliga über die Relegation den Aufstieg ins Oberhaus des deutschen Segelsports. Steuermann und Teammanager Tino Mittelmeier: „Unser Ziel für diese Saison ist der sichere Klassenerhalt. Das erfordert vom gesamten Team eine weitere Leistungssteigerung.“ Dieses Ziel sei realistisch. „Die Lernkurve ist bei allen extrem steil.“

 
Mit einer Hand lässt sich kein Knoten knüpfen.

Sicher ist: Die Leistungsdichte in der 1. Bundesliga ist sehr hoch. Um sich unter Deutschlands besten Segelteams zu behaupten, muss alles stimmen – die mentale und physische Belastbarkeit, das perfekte Zusammenspiel der einzelnen Mitglieder und ihrer Fähigkeiten, der Teamgeist und nicht zuletzt die richtige Mischung aus stringenter Führung und Eigenverantwortung. Dies gilt übrigens ebenso für fast jedes Team in einem Unternehmen, das in einem stark leistungsorientierten Umfeld arbeitet und sich nicht mit durchschnittlichen Ergebnissen zufriedengeben will. „Was in unserem Fall noch hinzukommen muss, ist das seglerische Können. Und das ist alles andere als trivial“, wie Teammitglied Henrik Schaal erklärt. Segeln sei ein extrem komplexer Sport, der einem nicht nur mental und physisch alles abverlange, sondern auch detaillierte Spezialkenntnisse etwa in Technik, Wetterkunde, Hydro- und Aerodynamik erfordere. Spitzenleistungen in all diesen Disziplinen sind umso wichtiger, als bei den Rennen der 1. Bundesliga nur die Arbeit der Teams auf den Booten zählt. Technische Unterschiede, wie sie bei der Formel 1 im Autorennsport manchmal über Platz oder Sieg entscheiden, gibt es nicht. Die Boote, in dieser Saison gesponsert von Audi, sind für jedes Team identisch. Wie geht man als Teamchef mit dem Leistungsdruck um? Tino Mittelmeier: „Die erste Herausforderung war, aus dem Pool von zum Teil international erfolgreichen Seglern ein Team zu formen, das als Ganzes funktioniert und in das jeder seine Stärken optimal einbringen kann.“

Zur Gruppendynamik gehört daher nicht zuletzt, dass jeder Einzelne eine Balance findet zwischen dem Abrufen der eigenen Spitzenleistung, was die volle Konzentration auf sich selbst erfordert, und der Einordnung in das Team, das Funktionieren als „Rädchen“ im Getriebe. Reibungslos. Denn, so die Erkenntnis von Alex Pentland, Leiter des Human Dynamics Laboratory am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT): „Nicht die Entschlossensten treiben Änderungen voran, sondern diejenigen, die am besten im Team mit Gleichgesinnten arbeiten.“

 

Selbstbewusst fürs Team arbeiten

So muss jeder, der mit aufs Boot geht, zwei Positionen besetzen können. Auf die Position, die er jeweils übernimmt, muss er sich zu hundert Prozent konzentrieren und sie ausfüllen. Wer etwa, nur weil er auch als Steuermann fungieren könnte, die Arbeit des aktuellen Steuermanns beobachtet, zieht diese Aufmerksamkeit von seinem eigentlichen Job ab – und verstärkt eventuelle Reibungsverluste. Dazu gehört auch eine realistische Selbsteinschätzung, so Henrik Schaal. „Wer sich überschätzt, gefährdet den gemeinsamen Erfolg. Bei uns wissen alle, wo sie stehen, worin sie richtig gut sind und was gut fürs Team ist.“

 
Schlimm ist ein strategischer oder taktischer Fehler nur dann, wenn man ihn zweimal macht.

Taktiker Christian Zittlau: „Ein gesundes Ego braucht man, wenn man in dieser Leistungsklasse unterwegs ist. Aber es gibt auch Steuerleute, die wollen die Macht. Das führt schnell zu schwelenden Konflikten, die den Zusammenhalt und damit die Gesamtperformance des Teams auf lange Sicht gefährden.“ Ganz entgegen dem Motto „Never change a winning Team“ haben die Überlinger Erfolg damit, den Kader bei jedem Rennen zu variieren. Das führt insgesamt zum schnelleren Aufbau von Erfahrungen fürs ganze Team. Christian Zittlaus Aufgabe als Taktiker ist es, Gegner, Windverhältnisse und alle sonstigen Rahmenbedingungen zu beobachten und dem Steuermann die für ihn relevanten Infos zu geben. „Das muss natürlich sehr schnell und mit klaren Ansagen geschehen. Und wenn's im Eifer des Gefechts mal laut wird, darf keiner eingeschnappt sein.“

 

Kommunikation nach klaren Regeln

Wichtig sei deshalb eine professionelle Kommunikationskultur, erklärt Teammitglied Frederik Schaal. „Vor allem in kritischen Situationen oder wenn Fehler passieren, ist es entscheidend, dass nicht während des Rennens diskutiert wird. Vielmehr muss jeder auf die Aufgabe fokussiert bleiben, die er in dieser Sekunde hat. Und er muss sich blind auf seine Teamkameraden verlassen.“
Drei zentrale Regeln für die Kommunikation während des Rennens haben sich die Überlinger gegeben:

  1. Besprochen wird nur, was dem unmittelbaren Rennverlauf dient. Vergangenes wird nicht diskutiert. Manöverkritik und Feedback gibt es nach dem Rennen.
  2. Informationen filtern. Egal, wie emotional kommuniziert wird, jeder versucht, die objektive Information herauszufiltern und umzusetzen.
  3. Die Informationen, auf denen die Entscheidungen des Steuermanns basieren, kommen von allen Teammitgliedern. Die finale Entscheidung aber und damit auch die Verantwortung bei Misserfolg liegt beim Steuermann.

„Entscheidet sich der intuitiv gegen die Empfehlungen der Crew, darf er sich nach dem Rennen was anhören“, ergänzt Tino Mittelmeier augenzwinkernd. Dennoch: Ohne ein gewisses Maß an Gelassenheit und Fehlertoleranz geht ́s nicht. „Schlimm ist ein strategischer oder taktischer Fehler nur dann, wenn man ihn zweimal macht.“

 

Verantwortung übertragen

Klar ist: Als Teamchef und Steuermann hat Tino Mittelmeier die Führungsrolle inne. „Ich versuche jedoch, jedem in seiner Rolle die volle Verantwortung zu übertragen, denn erst dann kann man sich wirklich mit der Aufgabe identifizieren.“ Delegieren und vertrauen – ein Führungsverständnis, das auch im heutigen Geschäftsleben gute Erfolge verspricht.

In einem aus Amateuren bestehenden Sportteam sei „eine Art transformationale Führung gefragt, bei der sich das Team nicht über Hierarchien oder Vergütung motiviert, sondern durch ein gemeinsames höheres Ziel.“ Dies sei auch der Grund, weshalb es in einem Sportteam manchmal sehr emotional zugehe. „Diese Emotionalität wiederum verlangt nach einer empathischen Führung.“
Und er nennt drei Punkte, die nach seiner Überzeugung für diese Art der Führung wichtig sind:

  1. Steuerung der Teamdynamik durch den bewusst gesetzten Gegenpol. „In Stresssituationen muss das Team wieder ‚runtergeholt‘ werden. Und in Momenten der Demotivation muss es wieder angestachelt werden.“
  2. Rituale vorgeben und leben. „Durch Rituale kann das Team wieder in seine Leistungsroutine gebracht werden. So haben auch wir im Team ein kleines Ritual, mit dem wir uns gegenseitig für das nächste Rennen motivieren und einstellen.“
  3. Individuellen Umgang mit Erfolg und Misserfolg respektieren. „Jeder im Team geht anders mit Erfolg und Misserfolg um. Das wird im Team respektiert.“

Aktuell ist das Team des SMCÜ auf Platz 11 der Tabelle vorgerückt und hat damit die Relegationsplätze verlassen. Schon Platz 12 würde am Ende für den Klassenerhalt ausreichen. „Das können wir auf jeden Fall schaffen, wenn es uns gelingt, unsere Leistung noch zu steigern“, meint der Teamchef.

 

Stimmen zu Teamwork

Tino Mittelmeier
Steuermann, Unternehmensberater bei Porsche Consulting
„Ein gutes Team setzt die individuellen Stärken jedes Mitglieds optimal ein und schafft die Balance zwischen Individualität und harmonischem Zusammenwirken für das gemeinsame Ziel.“
Christian Zittlau
Taktiker und Trimmer, Sales Application Engineer, MTU
„Als Team funktionieren heißt: Entscheidungen treffen, Entscheidungen von anderen umsetzen, anderen die Informationen zur Entscheidungsfindung liefern, Fehlentscheidungen akzeptieren und daraus lernen.“
Michael Zittlau
Steuermann, Strategic Buyer, Beiersdorf
„Entscheidend ist, dass jeder seine Aufgabe ernst nimmt und sein Bestmögliches gibt. Denn selbst ein kleiner Fehler kann sich auf die Gesamtleistung des Teams signifikant auswirken.“
Frederik Schaal
Trimmer, studiert Ingenieurwissenschaften an der TU München
„Teamarbeit heißt unter anderem, dass man sich in kritischen Situationen gegenseitig hilft, dass man Gemeinsamkeit lebt und volles Vertrauen in die anderen im Team hat.“
Henrik Schaal
Vorschiffsmann, angehender BWL-Student
„Man muss seinen Job zu hundert Prozent machen und sich blind aufeinander verlassen. Für mich ist ganz wichtig, dass wir uns gegenseitig motivieren und zum Beispiel mit kleinen Ritualen zu Höchstleistungen anfeuern.“
Franziska Bäurle
Taktikerin, studiert Jura an der Universität Konstanz
„Segeln ist ein Individualsport – aber auch Individualsportler müssen ein Team bilden, um erfolgreich zu sein. Und: Wer an der Startlinie an etwas anderes denkt als an das Segeln, hat verloren.“